Über die Stressmentalität der Deutschen

Es gibt eine Menge Dinge die ich nicht verstehe. Das ist ja auch der beste Anfang für einen Blogeintrag und wohl generell eines der besten Eingeständnisse, die man sich selbst machen kann. Eigentlich urteile ich auch nicht über Menschen, denn ich bin der Meinung das hier jeder selbst wissen sollte wie er was Handhaben möchte und was für ihn gut ist. Auch wollte ich hier nicht sonderlich viel über die Arbeit schreiben. Falls das mal ein Vorgesetzter findet, sollte man ja nicht unbedingt allzu viele Datenschutzverstöße feststellen. Allerdings geht es hier eigentlich auch weniger um die Arbeit als mehr um die Mentalität der Menschen im Allgemeinen. Also lets go:

Die Deutschen sind ein komisches Völkchen. Viele von ihnen beschweren sich, dass die heutige Gesellschaft so stressig und kurzatmig und generell immer mehr auf Leistung orientiert zu sein.
Mich hat das zwar auch gestört, aber zu Anfang dachte ich „Das muss eben so, so ist die Gesellschaft halt. Da muss man jetzt halt mithalten.“ Das lag zum einen daran, dass ich es von meiner Familie nicht anders gewöhnt bin (Da herrscht die Meinung vor, dass man am Besten alles schon Gestern erledigt hat) als auch von meinem damaligen Beruf (Ausbildung bei Station&Service) zusammen. Denn da möchten die Reisenden auch ihre Anliegen schon bearbeitet haben, bevor sie es ausgesprochen haben. Allerdings waren auch regelmäßig entspanntere Reisende da. Meist Touristen aus der Tschechischen Republik, aus arabischen Ländern, den USA aber auch zum Beispiel aus Spanien, Österreich und Schweiz. Da habe ich mir aber gedacht „Naja, liegt ja daran, dass sie auf Urlaub sind. Da wäre ich auch entspannt.“

Der sogenannte Breaking Point kam dann so Mitte/Ende 2015. Was hatte sich seitdem geändert? Die größten beiden Änderungen: Ich habe meinen Arbeitsplatz gewechselt von Station&Service zum Fernverkehr (Wohlgemerkt als Zugbegleiter, also eigentlich die gleiche Sparte) und seit Ende 2015 wohne ich allein. Im Fernverkehr habe ich mit unglaublich vielen komplett unterschiedlichen Menschen zu tun. Sowohl Reisende als auch Kollegen aus ganz Deutschland, Frankreich (Paris), Österreich (Salzburg, Wien), Schweiz (Basel, Zürich) und stellenweiße sogar bis nach Ungarn (Budapest). Nachdem ich hobbymäßig sowieso total gerne Menschen ein bisschen analysiere (Doofe Angewohnheit, aber ich kann es irgendwie nicht ändern) habe ich mich daran gemacht zu schauen
„Was macht den Unterschied zwischen den gestressten und den entspannten Menschen aus?“

Was mir ganz grundsätzlich aufgefallen ist? Der gestresste Mensch macht sich den Stress meistens selber. Das sind nämlich die, die sich mit abgefunden haben, das die Welt ein Haufen Stress ist und sich dem ergeben hat. Die streng nach Zeitplan arbeiten. Seien es die Kollegen, die streng nach Dienstplan arbeiten. (Zur Information: Zugbegleiter (Fernverkehr, Zuganfangsbahnhof) melden sich zum Dienst, haben dann 10 Minuten Zeit um die Arbeitsmaterialien zu aktualisieren, haben dann Wegezeit von der Dienststelle zum Zug (7 Minuten für – wenns doof läuft – 1,5 km) und dann am Zug nochmal 10 Minuten Vorbereitungsdienst (Reservierungen einlesen, Zug taufen (das alle Anzeiger etc. stimmen), Reisepläne auslegen, eventuell erste Fragen beantworten & technische Fehler beheben). Bei dem Zeitplan ist stress eigentlich schon eingeplant sodass es genug Kollegen gibt, die schon gestresst sind, bevor der Zug überhaupt losgefahren gibt. Dann fragen noch 3 Leute wo die Reservierung ist oder wo der Zug hinfährt und dann ist sein Tag eh schon gelaufen… Vielleicht verständlich, aber ist eigentlich unnötig.
Auf die Reisenden kann man das übrigens auch umlegen: Wenn man als Reisender nämlich planmäßig so anreist, das man 1 Minute vor Abfahrt oder gar zur Abfahrt in den Zug noch reinspringt, dann ist das klar, dass da Stress aufkommt.

Meine Empfehlung? Als Zugbegleiter komme ich eigentlich immer schon 20 Minuten vorher auf Arbeit, habe dann gut Zeit um mit Kollegen zu plaudern, mich vorzubereiten und dann 15 Minuten Zeit zu haben um zum Zug zu gehen. Hat den Vorteil: Ich muss mich nicht beeilen und komme entspannt am Zug an.
Wenn ich mal privat mit dem Zug unterwegs bin, dann plane ich meine Anreise zum Bahnhof eigentlich so, dass ich zum Fernverkehrszug noch 20 Minuten zur Abfahrt habe (Da diese meistens länger sind und man etwas suchen muss, bis man einen freien Sitzplatz findet, der zusagt) und bei Regionalzügen 10 Minuten. Bei der S-Bahn bei 20 Minutentakt bin ich meist so 5 Minuten vorher am Bahnsteig. Reicht das man entspannt ist und nicht ewig viel Hektik machen muss. Denn „Hektik führt zu erhöhtem Unfallrisiko.“ Und das muss echt nicht sein.

Man glaubt gar nicht, wieviel so eine Kleinigkeit schon ausmacht. Übrigens finde ich, dass es definitiv einen Mehrwert hat, wenn man lieber man 50 Minuten wartet anstelle von durchgeschwitzt und abgehetzt halb-ins-Gleis-rutschendend noch gerade so in den schon anfahrenden EuroCity springt. Übrigens: Sollten dass die die Pendler in Stuttgart lesen: Nicht jeder dieser Züge hält auch überall. Und nach Mannheim fährt von Stuttgart aus alle 30 Minuten der Fernverkehr und zwischendrin noch DB Regio. Mal im Ernst, für sowas die eigene und fremde Gesundheit zu riskieren ist einfach nur dämlich. Ironisch wie das Leben ist sind das übrigens genau die Leute, die nachher meckern wenn der Zug 5 Minuten Verzögerung hat. Warum? Ich darf mal wieder zitieren

„SCHEI? BAHN FÜR WAS BIN ICH JETZT GERANNT WIE EIN IRRER NUR UM JETZT 30 MINUTEN AUF MEINEN ANSCHLUSS IN MANNHEIM ZU WARTEN? SO EIN MIST ICH FAHR NICHTMEHR BAHN. DA HÄTTE ICH JA GLEICH MIT DEM SPÄTEREN ZUG IN STUTTGART ABFAHREN KÖNNEN.“

Tja, hättest das mal gemacht 😀 Gemütlich noch ein Kaffee/Tee/Bierchen in Stuttgart getrunken und vielleicht noch eine Kleinigkeit gegessen, dann wäre alles ganz entspannt gelaufen. Merkste selber wa? 😀
Ich weiß auch, dass das nicht immer umsetzbar ist, aber probiert es doch einfach mal wenn es funktioniert. Schaut ob euer Grundgefühl dadurch nicht besser wird. Gebt dem ganzen doch mal eben 2-3 Wochen eine Testphase. Ich wette mit euch, dass ihr eure innere Ruhe wiederfindet. Und wenn nicht habt ihr ja nichts verloren. Übrigens kleiner Hinweis: In der Schweiz, Österreich oder auch in Ungarn und Frankreich (Da machen die Züge sogar schon ein paar Minuten vor Abfahrt die Türen zu) gibt es sowas lang nicht so oft. Vielleicht sind dort auch die Leute entspannter. Das Schönste was mir mal im ICE von Berlin nach Interlaken Ost aufgefallen ist. Ich bin in Kassel-Wilhelmshöhe eingestiegen wir sind über Frankfurt, Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Baden-Baden, Offenburg, Freiburg (Breisgau) und Basel nach Interlaken Ost gefahren. In Basel bin ich dann ausgestiegen.
Was mir ganz extrem aufgefallen ist: In Fulda haben wir mal 6 Minuten Verspätung gemacht. Eigentlich keine große Sache. Bis Stuttgart war das Gemecker groß. Ab Stuttgart kamen dann die Südbadener und Schweizer drauf. Ich dementsprechend schon was kleinlauter durch den Zug zur Kontrolle. Spricht mich ein junges schweizer Pärchen an, was los sei. Ich antwortete „naja, zwischen Fulda und Stuttgart wurde ich wegen den 6 Minuten Verspätung nur zu gemeckert, deswegen is‘ die Stimmung grade was gedrückt“ kam von ihr und dem halben Großraumwagen zurück „Ach Mensch, des sind doch nur 6 Minuten. Des steht man mit dem PKW auch mal im Stau. Des macht doch nichts“

SO FUCKING TRUE! Aber das ist die Mentalität da unten und deswegen macht das Fahren da unten einfach unglaublich viel Spaß. Könnten so entspannt nicht alle sein?

Übrigens der nächste Punkt der mir aufgefallen: Viele verwechseln die Akzeptanz der Dinge, die man nicht ändern kann und der Kleinigkeiten bei denen es sich nicht lohnt aufzuregen mit „militanter Gleichgültigkeit“

Der Unterschied ist: Akzeptanz zeigt sich daran, dass man schulterzuckend (in meinem Fall) freundlich den Fahrgästen weiterhilft so weit wie möglich. Aber nicht das es einem Gleichgültig ist. Sondern das man sich dadurch nicht mehr beeinflussen lässt als möglich. Oder das man sich nicht wegen jeder Toilette die im Zug kaputt ist aufregt. Das sind so Sachen der Kategorie „Kann vorkommen, wird weitergemeldet und ist damit gut“. Die Oben angeführte „militante Gleichgültigkeit“ zeigt sich dann so.
„DES IS MIR JETZT SCHEI?EGAL DASS DAS VERDAMMTE KLO KAPUTT IST. KANN ICH JA AUCH NICHTS DRAN ÄNDERN. DES IS MIR VERFICKTNOCHMAL EGAL“

Daran merkt man aber ganz eindeutig, dass es dieser Person nicht egal ist. Ich mein da regt die Person sich doch darüber auf wie Hund unter dem Deckmantel, dass es ihr egal ist. Die Zugtoilette is übrigens nur ein Beispiel weil eine defekte Toilette im Zug NICHTS ausmacht. Die Toilette steht hier für eine Kleinigkeit, über die sich viele aufregen.
Auch ein schönes Beispiel: Mein Zugchef von gestern und ich standen in Erfurt. Ein paar Züge hatten wohl Verspätung, unserer nicht. Die durchschnittliche Bahnhofsszene ist halt lauter, brauchen wir eigentlich nicht weiter drüber reden. Er ist am Bahnsteig trotzdem am telefonieren (Was mMn eh 5 Minuten vor Einfahrt das Zuges ein NoGo ist, hab ich aber nicht weiter kommentiert, er ist ja schon so lang bei der Bahn). Die Ansage redet sich logischerweiße den Mund fusselig. Der Zug später, der später, der später. Mein Zugchef ins Telefon „Die scheiß Ansage macht hier unnötigerweise eine verfickte Dauerbeschallung. Ich bin hier am verfickt lauten Bahnhof, verstehe dich kaum noch.“ Auflegen? Neeee. Kommt die Durchsage „Ich berichtige: ICE 1685 verkehrt nun doch pünktlich. Ich wiederhole, ICE 1685 verkehrt pünktlich“ Ich fand das super von der Ansage das sie das nicht todschweigt. Mein Chef „EINMAL MIT PROFIS. JETZT WERDEN HIER SCHON DIE VERFICKT PÜNKTLICHEN ZÜGE ANGESAGT. SEIT WANN DAS DENN? STELLEN WIR NURNOCH IDIOTEN EIN?“ Ich habs darauf versucht im zu erklären. Er nur „DAS IST MIR DOCH SCHNUPPE WURSCHT EGAL WIESO DIE DAS SAGT. MAN SAGT KEINE FUCKING ZÜGE AN. NURNOCH VOLLIDIOTEN HIER“ Damit war das Thema für mich eh durch. Wenn er meint. Aber das sind diese Kleinigkeiten die ich meine. Weil: An der Durchsage kann man null ändern. Warum darüber aufregen? Einfach annehmen. Man muss ja auch nicht am Bahnsteig telefonieren, wenn weiß das es da lauter ist…. Sowas gäbe es von der Mentalität her in anderen Ländern auch nicht… Aber sowas stellt einen natürlich permanent unter Strom….

Irgendwas wollte ich jetzt ansprechen, allerdings habe ich voll vergessen was es war…. Egal, schreibt mir doch mal in die Kommentare wie ihr das seht oder ob ich hier einfach nur Bockmist schreibe 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.